PROathlete Talk #04 mit Dr. Francois Fourchet

Francois-Fourchet-podcast

 

Unser heutiger Gast ist Dr. Franҫois Fourchet [PT, Ph.D.]. Er ist Sportphysiotherapeut, Osteopath, Sportwissenschaftler und ehemaliger 800m-Läufer. Derzeit ist er Sportphysiotherapeut im Hôpital de La Tour in Meyrin/Genf.

Davor arbeitete er in der Aspire Academy, Katar und in Frankreich mit Leichtathleten, Fußball- und Basketballteams.

In dem Interview sprechen wir über seine praktischen und Forschungserkenntnisse zur Fußkonditionierung. Ich bin Francois sehr dankbar dafür, dass er uns Einblicke in seinen einzigartigen Erfahrungshorizont gibt.

„Die mediale longitudinale Achse stabilisiert den Fuß bei einbeinigen Belastungen. Eine Dysfunktion dieser stabilisierenden Fußmuskeln steht im Zusammenhang mit Sehnenreizung am Fuß und Knie. Nach praktischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen lässt sich dieses Problem durch Training handhaben. Zum Beispiel lassen sich mit der Single-Shot-Strategie Effekte bis zu 6 Wochen nach der Einheit nachweisen“

Francois, Du vereinst als ehemaliger 800-Meter-Läufer, Physiotherapeut, Osteopath und Sportwissenschaftler mehrere Perspektiven. Wie integrierst Du diese Perspektiven in Deiner Arbeit?

Francois Fourchet: Nun, das ist eine gute Frage. Es ist nicht so leicht hierauf eine Antwort zu finden. Zunächst suche ich die beste Lösung für meine Patienten und daher bin ich ständig auf Suche nach den besten Methoden aus Therapie und Training.

Das ist eine allgemeine Antwort. Lass uns etwas konkreter werden, indem wir das Ganze etwas chronologisch ordnen. Wie hat sich Deine Ausbildung auf Deine Arbeitsweise ausgewirkt?

FF: Als ehemaliger Athlet und Physiotherapeut habe ich mich nach Jahren etwas festgefahren gefühlt. Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas neues Lernen sollte, etwas mit einer ganzheitlicheren Sichtweise auf den Patienten. Dieses Gefühl hat wohl dazu geführt, dass ich in Frankreich Osteopathie studiert habe. Osteopathie war für mich ein Ansatz, mit dem ich Hochleistungssportler effizienter betreuen konnte. Als ich mit der Osteopathie ein bestimmtes Niveau erreicht habe, wollte ich mehr über die Details und Wirkungsweise von Therapien erfahren. Warum funktioniert diese Therapie und warum diese nicht? Daher habe ich mich vermehrt der Wissenschaft zugewandt.

Francois, kannst Du anhand eines Beispiels skizzieren wie wissenschaftliche Erkenntnisse das Verständnis verbessern könnten?

FF: In der Physiotherapie forschen wir in der Regel anwendungsorientiert. Aus diesem Grund stammen die meisten Forschungsberichte aus der täglichen Praxis. Epidemiologische Forschung hilft uns zu verstehen wie oft eine Verletzung beispielsweise bei Nachwuchsathleten vorkommt, was wiederum hilfreich ist um geeignete Stichprobengruppen zu entwickeln. Außerdem hilft mir die wissenschaftliche Methode zwischen Meinungen und methodisch abgesicherten Erkenntnissen zu differenzieren, sodass ich mir leichter meinen eigenen Standpunkt entwickeln und weiterentwickeln kann, indem sie mir Methoden liefert die therapeutische Wirkung meiner Arbeit zu prüfen.

In Deiner Forschungsarbeit hast Du Dich intensiv mit der Fußmuskulatur beschäftigt. Zum Beispiel hast Du mit Patrick McKeon das Foot-Core-Konzept entwickelt. Was ist die Idee dahinter?

FF_physioFF: Die Plantarsohle berührt bei jedem Fußkontakt den Grund. Patrick McKeon und ich waren etwas überrascht, dass diese Körperregion bisher in den Rehabilitationsprogrammen immer etwas unterrepräsentiert war, selbst in meiner physiotherapeutischen Ausbildung. Seit jeher arbeiten Fachleute arbeiten an den Füßen. Daher war unser Anspruch ein Konzept zu entwickeln, welches den Fuß vermehrt ins Forschungsinteresse rückt. Zu diesem Zeitraum ergab sich die Möglichkeit zur vertieften Erforschung der Fußmuskelstabilisatoren. Schlussendlich haben wir das Konzept der Foot-Core-Strength entwickelt, welches Parallelen zur Rumpfstabilität aufweist. Zu allererst benötigen wir eine solide Basis, denn der Fuß muss die Belastung, sei es beim Laufen oder Sprinten, absorbieren und die Kraft so effizient wie möglich transformieren.

Dr. Christopher Powers von der University of California in L.A. vertritt den Ansatz, dass die Hüfte das zentrale Moment innerhalb der Bewegung der unteren Extremität darstellt. Wie ordnest Du diesen Ansatz im Kontext des Foot-Core-Modells ein?

FF: Aus meiner therapeutischen Praxis weiß ich, dass einige Verletzungen mehr von Bottom-to-the Top und andere eher von Top-to-the-Buttom verursacht werden. Für mich ist es nicht so einfach, da jeder Fall anders ist. Ich bin froh, dass ich mehrere Möglichkeiten habe. Zum Beispiel hilft bei einem Patienten mit patellofemoralen Schmerzen die verstärkte Aktivierung der Gluteal- oder Rumpfmuskulatur, während bei einem anderen Patienten diese Behandlung nicht funktioniert, weil das Problem vom Fuß kommt. Daher betrachten wir das Foot-Core-Modell auch nur als ein Puzzleteil – als eine weitere Option zur Problemlösung.

Nun möchte ich den Fokus auf die Anwendung richten. Seit Galvanis Untersuchungen in der Renaissance ist erwiesen, dass Muskeln mittels elektrischer Impulse kontrahieren. Der Körper erzeugt diese elektrischen Kontraktionsimpulse durch elektrochemische Prozesse während der Spaltung von ATP. Francois, Du arbeitest mit elektrischen Reizen innerhalb der Rekonditionierung. Wie bist Du auf die Elektromyostimulation (EMS) aufmerksam geworden und wie setzt Du dieses Tool ein?

FF: Um das Jahr 2000 herum habe ich Gaillets Artikel studiert und begonnen mit EMS zu arbeiten. Forschungen haben gezeigt, dass mit dem EMS zusätzliche Muskelfasern rekrutiert werden können. Somit ist es möglich willkürliche und unwillkürliche Kontraktionen in Training und Therapie miteinander zu kombinieren. Mit Bezug auf das Foot-Core-Modell hier versuchen wir es so einfach wie möglich zu halten. Aus diesem Grund unterscheiden wir zwischen drei therapeutischen Stufen. Die ersten beiden Stufen finden isoliert statt. Die erste Stufe testet und trainiert die aktive und willkürliche Kontraktionsfähigkeit des Fußes, hierbei ist das Ziel, dass der Fuß durch die Aktivierung der intrinsischen Muskeln verkürzt wird. Auf Stufe zwei wird die aktive Kontraktion der intrinsischen Fußmuskulatur versucht durch Stromreize zusätzliche Muskelfasern zu rekrutieren. Während auf der dritten Stufe die Integration von dynamischen Übungen wie Sprünge mit zusätzlichen elektrischen Reizen kombiniert wird.

In unserer Praxis zeigt sich, dass vielen Menschen die Ansteuerung der intrinsischen Muskelfasern Schwierigkeiten bereitet. Mit selektiver EMS lässt sich dies jedoch überwinden, da theoretisch nur die unter der Elektrode liegenden Muskelfasern rekrutiert werden. Wenn man die Elektroden an die richtige Stelle platziert, zum Beispiel, am Mm. hallucis abductor, dann sieht man mit 15 bis 20 Milliampere eine deutliche Abduktion des großen Zehen. Aus meiner Sicht ist das ein großer Vorteil von EMS.

Worauf achtest Du bei der Platzierung der Elektroden?

FF: In der Regel achte ich darauf, dass man den Muskelbauch stimuliert, wobei dies bei der intrinsischen Fußmuskulatur aufgrund der Größe der Elektroden nicht möglich ist. In der Praxis klebe ich die beiden Elektroden (5x5cm) kopfabwärts des ersten metatarsalen Knochen.

Alternativ kann man auch mit der Motor-Point-Methode einen geeigneten Stimulationspunkt identifizieren. Hierzu benötigt man allerdings das nötige Werkzeug. Wer sich in diesem Zusammenhang vertiefen möchte, dem empfehle ich die Forschungsarbeit von Darren James.

Wie dosierst Du?

FF: Bei Patienten mit Ansteuerungsdefiziten in der intrinsischen Muskulatur habe ich gute Erfahrungen mit folgendem 15-minütigen Protokoll gemacht. 400ms, zweiphasig symmetrisch gepulste Welle (85Hz), alle 4 Sekunden gefolgt von einer tetanischen Stimulation gefolgt von 8 Sekunden aktiver Erholung. Das „James Protokoll“ zeigte eine direkte funktionalen Transfer nach der Stimulation in der Fußmechanik während des Gehens. Hierzu wurden geringe (20Hz) und hochfrequente Reize (100Hz) mit einer Rechteckschwingung (40 Volt), jeweils im Wechsel von 2 Sekunden eingesetzt.

Wie oft sollte man EMS-Training durchführen?

FF: In der Praxis ergeben sich häufig zwei Möglichkeiten. Zum einen die Single-Session-Strategie und die Multiple-Session-Strategie. Ausgehend von Kelly´s Forschung wissen wir, dass eine 15-minütige EMS-Einheit bis zu sechs Wochen lang wirken kann. In diesem Zusammenhang spricht man von einer Aktivierung, eine One-Shot-Session ist demzufolge eher geeignet für Patienten als für Leistungssportler. Die multiple Session-Strategie richtet sich auf die Konditionierung der medialen Fußmuskeln über einem Zeitraum von drei bis vier Wochen. Durch die höhere Regelmäßigkeit der Trainingseinheiten lassen sich natürlich nachhaltigere Ergebnisse erzielen. Daher empfehlen wir 9 bis 12 EMS-Trainingseinheiten und je nach der funktionalen Situation und Leistungsstand sollten auch Sprünge und Landungen in das Trainingsprogramm integriert werden.

Vielen Dank für Deine wertvollen Erfahrungen und Literaturhinweise, Francois!

 


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