PROathlete Talk mit Athletiktrainer Dr. Lutz Herdener

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Dr. Lutz Herdener ist derzeit an der Technischen Universität München [TUM] tätig. An der TUM ist er mitverantwortlich für die Ausbildung von Nachwuchs-sportwissenschaftlern. Hier bringt er neben seinen theoretischen Kenntnissen vorallem seine Erfahrung als Athletiktrainer aus dem Profifußball und funktions-orientierten Rehatraining mit ein, denn Lutz Herdener war nach dem Studium an der DSHS  zunächst Co-Trainer der irakischen Nationalmannschaft. In München hat er Shad Forsythe kennengelernt und arbeitete in der Praxis von Oliver Schmidtlein.

Lutz Herdener ist bekannt dafür, dass er seine Teilnehmer für das Thema Athletiktraining gewinnen kann. Dies zeigt sich darin, dass er zusätzlich zu seiner Tätigkeit an der TUM auch als Ausbilder für Perform Better und als Dozent und Berater für Sportler und Verbände tätig ist.

In diesem Interview spreche ich mit Dr. Lutz Herdener über seine Erfahrungen und derzeitigen Projekte.

DAS INTERVIEW

Lutz, wie bist Du zu dem gekommen, was Du heute machst?

Um ehrlich zu sein hat sich das so entwickelt. Ausgehend von verschiedenen Interessen im Sportstudium haben sich neben vielen Antworten auch immer mehr Fragen ergeben, welche ich dann weiterverfolgt habe. Bis heute genieße ich es mich bei meinen Fortbildungen oder anderen Treffen mit Sportlern und Trainerkollegen aus verschiedenen Bereichen auszutauschen.

Welche Coaches oder Mentoren unterstützten Dich?

Da gab es verschiedene und ich hoffe auch ein bisschen was an Input wieder zurückgegeben zu haben. Zu meiner Zeit an der Deutschen Sporthochschule Köln hatte ich das Glück sowohl in der Biomechanik als auch bei der Trainingswissenschaften zu arbeiten. Das war eine interessante Kombination. Mit Dr. Karamanidis und Dr. Kleinöder hatte ich zwei geduldige und vor allem kompetente Mentoren die mich im Laufe meines Studiums unterstützt haben. Hier in München habe ich mit mit Shad Forsythe angefangen und mittlerweile habe ich durch den universitären Bezug, über den wir beide uns ja auch kennengelernt haben, ein gutes Netzwerk mit verschiedenen Experten. Shad hat mir damals klar gemacht, dass die effektiven Ansätze gar nicht so komplex sein müssen und es zu einem großen Teil auf das Coaching ankommt. Dazu kommen mittlerweile die Kollegen von perform better. Das ist eine schöne Kombination.

Welche Aufgaben hast Du als Athletiktrainer bisher bei Deinen Engagements übernommen?

Angefangen habe ich als klassischer Athletiktrainer im Bereich der Leistungsdiagnostik. In diesem Zusammenhang kam dann auch noch der Bereich der Prävention und Rehabilitation dazu. Angefangen von maßgefertigten Schuhen für die Fußballnationalmannschaft bis zu der Konzeption einer ganzheitlichen Athletik- und Präventionsstrategie für den irakischen Fußballverband. Im Irak haben wir die Nationalmannschaft neu aufgebaut und Spieler unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichem athletischen Niveau gehabt. Das war eine spannende Aufgabe. Durch individuelle Konzepte und Arbeit in Kleingruppen haben wir sie recht schnell zu einer homogenen Mannschaft geformt und die Asienmeisterschaften gespielt. Vor allem die geringen Verletzungsausfälle haben uns gezeigt, dass wir in der Vorbereitung einen guten Job gemacht haben. Das Investment in eine grundlegende Vorbereitung zahlt sich immer aus. Im Grunde war alles dabei was man sich wünschen kann und ich bin dankbar für diese unbezahlbaren Einblicke. Daraus haben sich dann auch meine heutigen Schwerpunkte entwickelt. Ich denke, dass wenig Equipment ausreicht, wenn man damit umzugehen weiß. Die einfachen Ansätze mit viel Know-How und Coaching-Fähigkeiten sind für mich wesentliche Bestandteile eines guten Trainings.

Heute habe ich durch den universitären Bezug immer noch einen direkten Draht zur Wissenschaft und versuche dies mit meinen Erfahrungen am Athleten zu kombinieren und den Teilenehmern meiner Fortbildungen mit auf den Weg zu geben.

Fachwissen ist nur eine Facette im Trainerprofil. Um sehr erfolgreich als Coach zu sein muss man Athleten von seiner Person überzeugen, vertrauen schaffen. Wie baust Du vertrauen auf und wie überzeugst Du Athleten von Deinen Vorstellungen? Kannst Du das anhand eines Beispiels verdeutlichen?

Hm….tue ich das?! Spaß beiseite: Ich denke schon, dass ich das tue und versuche einfach nur auf den Athleten einzugehen. Das heißt nicht, dass wir zwingend einer Meinung sein müssen aber zumindest sollte man nach dem Austausch die Ziele gemeinsam definieren. Dabei müssen sie im ersten Schritt nicht zwingend übereinstimmen und ich muss den Athleten oft genug davon überzeugen, dass er den zweiten Schritt vor dem ersten machen möchte und dies meines Erachtens nicht gut ist. Vor allem bei verletzten Sportlern setze ich auf einen langfristigen und nachhaltigen Aufbau. Dies macht sich erfahrungsgemäß auch bezahlt.

Gerade wenn man länger mit einem Sportler arbeitet gewinnt man sein Vertrauen. Ich nenne das die said-so-Regel, naja eigentlich habe ich das von Dan John geklaut. Dies bedeutet, dass der Sportler die Dinge macht weil der Coach sie gesagt hat (said-so). Dies bedeutet nicht, dass er die Sachen unreflektiert hinnimmt aber die Grundeinstellung zu meinen Ansätzen ist schon eine anderen wenn ich schon länger mit einem Sportler arbeite.

Welche Methoden sollte ein Sportcoach in seinem Repertoire haben?

Auf eine einzelne Methode würde ich dies gar nicht reduzieren. Eher auf die Auseinandersetzung mit verschiedenen Ansätzen. Es gibt für einen Coach nicht mehr Stillstand als Dogmatisierung. Sicherlich gibt es verschiedenen Schwerpunkte und Vorlieben bei Trainer und Athlet – im Optimalfall matchen diese auch gut. Aber ob ich nun ein hochintensives Training (HIT) mache oder einen klassischen Aufbau mit Grundlagenausdauer ist situationsabhängig.

Bei meinem Krafttraining habe ich eine klare Struktur: 1. Adaptationsphase, 2. Kraftausdauer, 3. Hypertrophie und 4. IK-Training. Diese kombiniere ich nach Bedarf und kann so immer auf meinen Grundstock zurückgreifen. Dieser Ansatz ist für Experte und Neuling zu empfehlen.

Die anatomische Adaptation passiert in einem Zeitraum von 2-4 Wochen und geht bereits in den Bereich der Kraftausdauer. Hierbei lege ich aber noch keinen Wert auf schnelle Wechsel von Ex- auf Konzentrik. Nach einer Phase des Kraftausdauertrainings gehe ich bei Ausdauersportlern meist direkt in den IK-Bereich. Dabei achte ich darauf, dass wir den Muskel-Sehnen-Komplex durch die harte Umstellung nicht überbeanspruchen.

Welche Fortbildungen hast Du besucht bzw. hast Du einen Tipp?

Ich vermeide Fortbildungen in denen Methoden unreflektiert kommuniziert und als alleinige Lösung dargestellt wird. In unserem Certified Athletic Trainer haben wir die Möglichkeit in einem dreistufigen Lehrkonzept auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse die Teilnehmer sukzessive miteinzubeziehen. Das macht für mich eine gute Fortbildung aus. Wissenschaftlicher Bezug, kritische Vielseitigkeit und Proaktivität der Teilnehmer um den Austausch zu fördern. Du gehst da mit PROathlete ja mit gutem Beispiel voran.

Gute Literatur zu finden ist schwer. Ich bevorzuge normalerweise Primärquellen oder Bücher bei denen sich der Herausgeber verschiedene Expertenteams zur Seite holt. Strength and Conditioning von Cardinale et al. ist für mich eines der besten Bücher der letzten Jahre. Gerade die wissenschaftlichen Hintergründe und der pragmatische Ansatz machen das Buch zu einem absoluten Mehrwert für jeden Trainer.

Lutz, du hast vor ein paar Jahren promoviert. Was hast Du durch Deine Promotion gelernt?

Also zu allererst habe ich gelernt, dass auch ein langer Prozess mal ein Ende haben kann – zum Glück. Gleichzeitig hat es mir auch gezeigt, dass man sich sehr ausführlich und umfassend mit einem Thema auseinandersetzen muss, um  es auch wirklich beurteilen zu können. In meinem Bereich ging es um verschiedenen Voraktivierungsverfahren. Letztlich entstanden neben den gewonnen Erkenntnissen auch eine Menge Fragen, denen man eigentlich direkt hätte nachgehen können. Allerdings wollte ich danach die Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis schlagen und habe mich für eine Kombination der beiden Bereich entschieden. Persönlich hat es mich sicherlich auch weiterentwickelt und ich sehe nun einige Dinge kritischer wobei ich auf der anderen Seite auch sagen muss, dass viele der „altbewährten“ Methoden auch aus wissenschaftlicher Sicht wieder an Relevanz gewinnen.

Lutz, wir alle machen Fehler. Die Würze liegt im Umgang mit Fehlern. In diesem Zusammenhang interessiert mich was Du unter Fehlern verstehst und wie Du damit umgehst.

Das ist eine schwierige Frage zum Abschluss. Ich denke, dass ich dann einen Fehler gemacht habe, wenn ich im Nachhinein zu der Erkenntnis komme, dass ich es anderes (wesentlich) besser hätte machen können. Dabei unterscheide ich aber zwischen vermeidbaren Fehlern (z.B. aus Leichtsinnigkeit) und Fehlern die ich sozusagen „nach bestem Wissen“ gemacht habe. Dies ändert zwar nichts am Sachverhalt, erinnert mich aber daran, dass sich an der ein oder anderen Stelle nachdenken lohnt.  Ein typisches Beispiel ist, dass ich zu Beginn meiner Tätigkeit als Trainer viele verschiedene Inhalte in eine einzelne Trainingseinheit packen wollte und mir so Struktur und Handschrift verloren gingen. Mittlerweile versuche ich eine klare Struktur für die einzelnen Einheiten zu erarbeiten und aus diesem mein Periodisierungskonzept zusammenzustellen. So bilden meine Bausteine für den Ausdauerbereich beispielsweise das Training der grundlegenden Systeme, der Laktatkinetik und der Verbesserung der VO2max. Damit fahre ich sehr gut und je nach Athletenprofil und zeitlichen Ressourcen verwende ich die Grundformen und entsprechende Abwandlungen in unterschiedlichen Setups.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Lutz. Weitere Informationen zur Person und möglichen Ausbildungen von Dr. Herdener finden Sie über die folgenden Links.


Certified Athletic Trainer

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