Schmerzen screenen

by Kornelius Kraus [DS, MA]

“Schwache Bewegungsmuster identifizieren ist die erste Aufgabe eines Athletenbetreuers.”

LESS beckenshift frontal
Abb.1. Beckenshift während der Landung. Ein häufiges Bild nach Verletzungen.
Mit ein wenig Aufwand lässt sich dieser Fehler korrigieren.

Schmerzen während des Trainings oder nach der Belastung sind fast keinem Sportler fremd. Besonders ärgerlich ist es, wenn solche Probleme in der Vorbereitung auf einen wichtigen Wettkampf auftreten. Um dies zu vermeiden, kombinieren wir bei der Bewegungsdiagnostik je nach Fragestellung mehrere motorische Screening-Systeme. Unsere Basis bildet ein Posture Screen (PS), der Functional Movement Screen (FMS) und das Landing Error Scoring System (LESS).

Wissenschaftliche Forschungen zeigen, dass Rumpfkraft und dynamische Bewegungsmuster Einfluss auf die sportliche Leistung haben sowie das Risiko für Überlastungen ansteigen lassen können. Zudem existieren Belege für eine Häufung von Verletzungen ohne gegnerischen Kontakt im Mannschaftssport, welche man im Allgemeinen als Überlastungsverletzungen interpretiert. Daher ist es sinnvoll, verschiedene Screening-Verfahren einzusetzen, um ein umfassenderes Bild vom Athleten zu bekommen. Diese zusätzlichen Informationen helfen uns, individuellere Lösungen für die Sportler zu kreieren (weitere Infos im Übersichtsartikel von Dallinga et al., 2012).
„Für Knie- oder Fußschmerzen gibt es vielfältigste Ursachen.“

Es ist phänomenal, wie belastbar und erholungsfähig unser Körper ist. Eine wichtige Funktion in dem Erholungsprozess übernehmen die Schmerzsignale. Jenes Feedback teilt dem Athleten mit, dass irgendetwas nicht stimmt. Daher sind Schmerzen sehr ernst zu nehmen. Auf motorischer Ebene führen sie häufig zu muskulären Fehlbelastungen bzw. sind sie das Resultat von Fehlbelastungen, welche auch als Kompensationen bezeichnet werden.
LESSHüftstrategie

Abb.2. Deutliche Kniebeuge  und symmetrische Fußaufsatz während der Landung. Wichtige Kennzeichen für eine gute Landung (Hüftstrategie).

Die Ursachen für Schmerzen können sehr vielfältig sein. Eine Betrachtungsweise bietet uns die Motorik. Die fehlerhafte Koordination von Rumpf und unterer Extremität erweist sich als Prädiktor für Verletzungen des vorderen Kreuzbandes. Zudem wurde mehrfach wissenschaftlich bestätigt, dass die Hüftstrategie sich gegenüber einer Kniestrategie als vorteilhafter erweist. Bei der Hüftstrategie wird die Bewegung der unteren Extremität maßgeblich von der Hüftmuskulatur initiiert und von der Oberschenkelmuskulatur unterstützt (Abb.2). Umgekehrt verhält es sich bei der Kniestrategie. Hier ist hauptsächlich die vordere Oberschenkelmuskulatur im Vergleich zur Hüftmuskulatur aktiv (Abb.3).

LESSKniestrategie

Abb.3. Valgus-Stellung während der Landung als klares Zeichen für eine Kniestrategie

Mit dem Landing Error Scoring System (LESS) kann der Trainer feststellen, welche Strategie ein Athlet bei dynamischen Bewegungen anwendet. Dazu springt er von einem Kasten herunter und springt maximal hoch. Von besonderem Interesse ist die Landung vor dem Absprung. Diese wird frontal und sagittal mit einer Kamera erfasst und nach vorgeschriebenen Kriterien bewertet (Padua et al. 2009).

Die Vor- und Nachteile von dem LESS im Überblick

+ gibt Informationen über Lande- und Abbremstechnik
+ wissenschaftlich getestet
+ reproduzierbar
+ flexibel einsetzbar
+ Ökonomisch
+ gesundheitlich unbedenklich bei Gesunden
– keine detaillierten Ursachen identifizierbar
– nicht beliebig übertragbar

LITERATUR
Dallinga JM., Benjaminse A., Lemmink, Koen A P M. Which screening tools can predict injury to the lower extremities in team sports?: a systematic review. Sports Med. 2012;42(9):791-815.
Kraus, K. & Doyscher, R. (2013). Bewertung und Einsatzmöglichkeiten von motorischen Screeningverfahren für den langfristigen Leistungsaufbau. In I. Fichtner (Hrsg.), Informations- und Kommunikationstechnologien in der angewandten Trainingswissenschaft 15 (S. 50-58). Leipzig: IAT.
Padua D.A., Marshall S.W., Boling M.C., Thigpen C.A., Garrett W.E., Beutler A.I. The Landing Error Scoring System (LESS) Is a valid and reliable clinical assessment tool of jump-landing biomechanics: The JUMP-ACL study. Am J Sports Med. 2009;37(10):1996-2002.

DER AUTOR

KORNELIUS KRAUS. Seit 2006 betreut Kornelius Kraus Athleten und Nachwuchssportler. Der Sportwissenschaftler und Trainer bereitet wissenschaftliche Erkenntnisse für die Umsetzung in der Athletenbetreuung praxisnah auf. Zudem bietet er Seminare zum Athletic Training an und vermittelt Wissen und Techniken für das Leistungstraining. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die motorische Verletzungsprävention.

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