FUNCTIONAL TRAINING KURS lesson 1

FT – BASICS

by Kornelius Kraus [DS, MA]

Heute gehen wir gemeinsam zurück zu den „Ursprüngen“ des Functional Training. Nachdem Studieren des Artikels kennst Du die unterschiedlichen Ansätze der „Gründer“ und kann deren Positionen einordnen.

FUNCTIONAL TRAINING NACH BOYLE UND SANTANA

Seit knapp 10 Jahren existiert die Functional-Training-Bewegung in Deutschland. Jedoch sind nur die wenigsten mit den ursprünglichen Ideen der Gründer vertraut. Eine der prägenden Persönlichkeiten der Bewegung ist Juan Carlos Santana. Bereits zu Beginn der 90er Jahre veröffentlichte er die ersten Beiträge zum Functional Training.
Für Santana ist Functional Training zweckgerichtetes Training mit dem Ziel die Bewegungskoordination und Synergie zu verbessern. Aus diesem Grund legt der amerikanische Sportwissenschaftler und Trainer großen Fokus auf das Prinzip der Spezifität. Dieses Prinzip stammt aus der Trainingsmethodik und beschreibt die Übertragung von biomechanischen und physiologischen Komponenten einer Übung in die Zielbewegung. Zum Beispiel die Bewegungsgeschwindigkeit, der Bewegungsumfang, die Belastung oder koordinative Muster.

Im Original:

„The 90s saw the development of a new form of strength training based on old principles. The new strength approach was founded on one very logical principle-the principle of specificity. The principle of specificity simply states that in order for training to have optimal carryover, it must resemble the target activity in terms of speed, range of motion, load, position, and coordinated muscle action. Firmly grounded in the principle of specificity, the functional training revolution was born” (Lavin und Santana, 2006, S.27).

Das Wissen um spezifische und unspezifische Übungen bzw. Methoden ist eines der wichtigsten Werkzeuge von Trainern, Therapeuten und Performance-Managern. Um den Unterschied genauer zu klären bedarf es einer Aufgabenanalyse und der Entwicklung eines Anforderungsprofils, Auf diese Themen werden wir in den kommenden Beiträgen eingehen.
Kehren wir zu den prägenden Figuren des Functional Training zurück. Neben Mark Verstegen, dem Gründer von Athletes Performance (heute EXOS), gehört Michael Boyle wohl zu den bekanntesten Persönlichkeiten. Er ist weltweit durch seine Vorträge und Bücher „Functional Training for Sports“ und „Advances in Functional Training“ (die auch ins Deutsche übersetzt wurden) bekannt.

Functional Training definiert er als ein zweckgerichtetes System von Programmen und Übungen für eine höhere athletische Leistungsfähigkeit, welches auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und 20-jähriger praktischer Erfahrung basiert (Boyle 2004, Vorwort).

ZIELE DES FUNCTIONAL TRAININGS

Das Functional Training zielt auf die allgemeine Kräftigung, den Aufbau von Muskelmasse, und die Minimierung von Verletzungen ab. In dieser Position spiegelt sich Boyles Herkunft aus dem Athletic Training (angewandte sportmedizinische Athletenbetreuung) wider. Im Gegensatz zu Santana versteht Boyle unter Functional Training ein generelles Sporttraining, bei dem die Entwicklung von elementaren motorischen Fähigkeiten wie Laufen, Sprinten, Springen, Richtungswechsel oder Richtungswechsel im Fokus stehen. Zunächst geht es um die Entwicklung der motorischen Kontrolle über den eigenen Körper in allen relevanten Ebenen. Demzufolge werden besonders zu Beginn des Trainingsprogramms (Anmerkung des Autors) die Stabilisationsmuskeln und weniger die Antriebsmuskulatur trainiert. Aus diesem Grund ist die Integration von funktioneller Anatomie in die Trainingsgestaltung von großer Bedeutung (Boyle 2004, S.23).

Dies war die Basis für die Entwicklung des Core-Trainings, welches das Ziel verfolgt die Stabilisationsmuskulatur zwischen Hüfte und Schulter zu entwickeln. Elementare Bewegungsformen des Functional Training sind Beugen, Drücken, Stoßen, Ziehen, Reißen, Drehungen, oder Ausfallschritte. Nach Boyle sucht der Functional Trainer die Gemeinsamkeiten von Sportarten und verstärkt diese, was möglicherweise zur Systematisierung von grundlegenden Bewegungsmustern führte. Die Qualität dieser Bewegungen lässt sich beispielsweise vereinfacht mit dem Functional Movement Screen beurteilen. Ein Schnelltest, der die motorische Kontrolle des Körpergewichts in horizontaler und vertikaler Ebene erfasst. Bei dem Screening wird besonderes Augenmerk auf strukturelle Mobilität, Haltungs- und Bewegungssymmetrie gelegt (Kraus et al., 2014; 2015).

Wie sind diese kontroversen Positionen nun zu vereinen?

Boyle und Santana treffen sich beim gleichen Ziel. Ihnen geht es um die Leistungssteigerung bzw. um die Simulierung von Alltagsaufgaben, die auf einer ökonomischen Bewegungstechnik fußt. Beide betrachten den Körper als Einheit. Dies wird durch die Begriffe „Bewegungskoordination“ und „Synergie“ bei Santana und durch den Systembegriff bei Boyle deutlich. Beide verstehen das Functional Training als zusätzliches Training zum sportspezifischen Training, wobei Santana der physiologischen und biomechanischen Komponente der Bewegungsaufgaben in seiner Argumentation mehr Bedeutung schenkt als Boyle. Für Boyle hingegen ist die grundlegende Entwicklung der allgemeinen Bewegungsqualität wesentlich.

Das Core-Training erachten beide Pioniere des Functional Trainings als einen wichtigen Baustein ihrer Trainingsmethodik. Da beide gezielte Übungen zur Steigerung der Core-Kraft in ihren Trainingsprogrammen anwenden. Meiner Erfahrung nach liefert Santana kreativere und zweckmäßigere Lösungen für die Entwicklung der funktionellen Rumpfkraft (Santana, 2007).

Ein noch bestehender theoretischer Streit ist jedoch der Einsatz von spezifischen und unspezifischen Methoden. Ein denkbarer Lösungsansatz ist die Näherung an das Thema auf gestalterischer Ebene. Auf dieser Ebene ist es möglich Diskussionen unter Berücksichtigung des Einzelfalls zu führen um dann theoretische Überlegungen mit praktischer Erfahrung in Beziehung zu setzen.

PROathlete STATEMENT

Functional Training ist eine Bewegung, die neben der Leistungsorientierung den Fokus auf die Bewegungsqualität von alltäglichen Bewegungen gelegt hat und damit zu einer verstärkten Wahrnehmung im Fitness- und Leistungssport führt. Wesentlichstes Merkmal ist der Fokus des Trainings auf stabilisierende muskuloskeletale Strukturen unter Berücksichtigung der funktionellen Anatomie. Auf diesem Gedankengut lässt sich Begriff Functional Training begründen.

Wir sind allerdings der Meinung, dass der Begriff Functional Training unglücklich gewählt ist, denn jedes Training sollte eine Funktion erfüllen. Die kontroversen Positionen von Boyle und Santana sind gar nicht so weit auseinander wie es scheint, wenn man die Meinungen auf gestalterischen Ebene vereint. Auf diesem Level lassen sich theoretischen Überlegungen mit praktischen Erfahrungen vereinen und wirksame Lösungen entwickeln.
Im nächsten Beitrag widmen wir uns den Kontraktionsformen und der Bewegungsanalyse dem „Assessment“. Unter anderen besprechen wir die wissenschaftliche Qualität des Functional Movement Screens.

LITERATUR

Boyle, M. (2004): Functional training for sports. Champaign, IL: Human Kinetics.
Kraus, K.; Schütz, E.; Taylor, W. R.; Doyscher, R. (2014): Efficacy of the Functional Movement Screen: A review. In: J Strength Cond Res. DOI: 10.1519/JSC.0000000000000556. ZUM ÜBERSICHTSARTIKEL
Kraus, K.; Doyscher, R.; Schütz, E. (2015): Methodological Item Analysis of the Functional Movement Screen. In: Dtsch Z Sportmed 2015 (10), S. 263–268. DOI: 10.5960/dzsm.2015.199. ZUM BEITRAG
Lavin, G.; Santana, J. C. (2006): To the Max! Functional Training for the Endurance Athlete. Hg. v. TRI-IHP.
Santana, J. C. (2007): Strength & Conditioning. For the modern Gladiator. Intocombat Inc.

DER AUTOR

KORNELIUS KRAUS. Seit 2006 betreut er Athleten und Nachwuchssportler. Der Sportwissenschaftler und Trainer bereitet wissenschaftliche Erkenntnisse für die Umsetzung in der Athletenbetreuung praxisnah auf. Zudem gibt er Trainings in Athletic Therapy, Functional Training und Strength and Conditioning. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die motorische Verletzungsprävention.