FUNCTIONAL TRAINING KURS lesson 2

ASSESSMENT. movement screening

by Kornelius Kraus [DS, MA]

FMS_Inline Lunge

Nachdem Du die Grundideen von Michael Boyle und Juan Carlos Santana studiert hast, widmen wir uns heute der Bewegungsanalyse. Die Bewegungsanalyse ist Teil des Assessments und Basis für die Trainingsgestaltung. In Lesson 2 erarbeitest Du Dir nützliche Elemente des Motor Control Screening und legst so die Grundlagen für erste Erfahrungen. Außerdem enthält die Lesson Links zur Einführung in das FMS-Scoring und eine wissenschaftliche Bewertung des FMS.

WARUM ASSESSMENT?

Die Beurteilung des Sportlers oder Patienten versorgt den Trainer mit objektivem Feedback. Beim klassischen Assessment des Strength and Conditioning werden die Qualitäten Kraft, Power, Schnelligkeit, Gewandtheit, Beweglichkeit und Ausdauer analysiert [Baechle & Earle, 2008; Cissik, 2012].

Im ersten Assessment lernt der Sportler die Testaufgaben und der Trainer gewinnt einen ersten Eindruck für die Stärken und Schwächen des Sportlers. Basierend auf dem Status Quo entwickelt der Trainer im Idealfall ein Trainings-Programm mit der Absicht die Stärken zu stärken und den Schwächen ihre Bedeutung zu nehmen [Drucker, 2005]. Diese Verfahren helfen dem Trainer die Trainings-Wirkung zu beurteilen und Erfolge kommunizieren zu können bzw. nach ungewünschten Fehlentwicklung das Training schneller anzupassen. Zudem entsteht bei dem Sportler ein Gefühl für seinen derzeitigen Leistungsstand, was ich für einen sehr wichtigen Faktor für den Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung von Trainer und Sportler [Klient] halte.

Im Unterschied zum klassischen Strength and Conditioning legt man beim Functional Training besonderen Fokus auf die motorische Qualität des Sportlers und untersucht diese mit eigens dafür entwickelten Verfahren:

+ Functional Movement Screen [FMS]

+ Landing Error Scoring System [LESS]

+ Balance Error Scoring System [BESS]

+ Star Execution Balance Test [SEBT]

In den nächsten beiden Lessons wollen wir uns verstärkt mit dem FMS und dem LESS auseinander setzen unter Berücksichtigung der Muskelkontraktionsformen und der angewandeten motorischen Strategie.

FUNCTIONAL MOVEMENT SCREEN

Der FMS ist ein Schnelltest, der die motorische Kontrolle des Körpergewichts in horizontaler bzw. vertikaler Ebene beurteilt und muskuloskeletale Differenzen sowie Schmerzen erfasst.

FMS-Screening

Bei dem Screening wird besonderes Augenmerk auf Haltungs- und Bewegungssymmetrie gelegt [Kraus et al., 2014]. Seit 5 Jahren arbeite ich mit dem FMS. Seitdem hat mir dieses Tool geholfen motorische Defizite aufzudecken: Angefangen von Kindern bis hin zum Profisportler werden motorische Defizite sichtbar für das Trainer- und Betreuerteam und erfahrbar für den Sportler.

EINFÜHRUNG IN DAS FMS-SCORING

Die Grundlagen habe ich bei Oliver Schmidtlein gelernt. Vertieft habe ich meine Kenntnisse während des Athletic Training Studiums [angewandte sportmedizinische Athletenbetreuung] an der San Diego State University bei dem Sportwissenschaftler Kent Lorenz [CSCS]. Die Einfachheit und Mobilität des Instruments sprechen für sich. Jedoch muss erwähnt werden, dass der FMS kein Leistungstest ist und sich nur sehr bedingt zur Verletzungsprognose eignet, eine detaillierte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Forschungsarbeiten finden Sie in unserem Übersichtsartikel im Journal of Strength and Conditioning [Kraus et al., 2014]. Desweiteren haben wir eine methodologische Analyse der Testaufgaben in der deutschen Zeitschrift für Sportmedizin veröffentlicht [Kraus, Doyscher und Schütz, 2015].

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BEWERTUNG FMS

By the way: Aus meiner Sicht gehört die Prognose nicht in das Feld der Wissenschaft, sondern in den Bereich der Pseudoscience [mehr zu Pseudoscience bei Imre Lakatos in Curd, 2013]. Ein Beispiel: Wenn ich einem meiner Sportler sage, dass seine Werte auf eine drohende Verletzung hindeuten, werden wir alles daran setzen, dass es nicht so weit kommt. Demzufolge ist meine Intervention ein Störfaktor, der gegen die Prognose wirkt.

Vielmehr macht es Sinn sich Gedanken über die Eliminierung von Risikofaktoren zu machen. Einer dieser Risikofaktoren ist die fehlende Bewegungssymmetrie. Die Bewegungssymmetrie lässt sich mit dem FMS bei Bewegungsaufgaben vereinfacht beurteilen. Nachteil des FMS ist, dass sich mit diesem Tool exzentrische Belastungssituation von Alltags- oder sportlichen Situation nicht erfassen lassen.

Diese sind allerdings wichtig für die Beurteilung der Bewegungsökomomie und richtungsweisend für die Verletzungsprävention. Demzufolge genügt der FMS alleine nicht für ein umfassendes Motor Control Screening. Doch zunächst wollen wir uns den 3 wichtigsten Muskelkontraktionsformen widmen.


DESIGNKNOWLEDGE

Die 3 wichtigsten Kontraktionsformen

Warum ist das wichtig? Das Wissen der elementaren Kontraktionsformen ist für mich ein sehr wichtigstes Tool für die Bewegungsanalyse, passende Übungsauswahl und Intensität.

Die konzentrische Muskelkontraktion beschreibt die Verkürzung des Muskels, Muskelansatz und Muskelursprung kommen sich einander näher. Etwas weniger theoretisch ausgedrückt ist es die Annäherung des Unterarms an den Oberarm durch die Verkürzung des Bizeps.

Die exzentrische Muskelkontraktion beschreibt die Kontraktion des Muskels bei gleichzeitiger Längenzunahme [Dehnung]. Eine typische Situation für die Muskulatur des hinteren Oberschenkels [ischiokrurale Muskulatur oder Hamstrings] beim Sprinten oder Springen während des Fußaufsatzes. Allgemein gilt, dass die Muskulatur in der exzentrischen Kontraktionsphase die größten Kräfte generieren kann. Daher führen übermäßige exzentrische Bewegungen zu Mikroschäden in der Muskulatur, die als „Muskelkater“ spürbar sind.

Die isometrische Muskelkontraktion beschreibt die Kontraktion des Muskels ohne Längenzunahme. Statische Übungen wie der Klimmzughang oder die Kniebeuge gehalten in der tiefen Position trainieren die isometrische Kraft (Wilmore, Costill, & Kenney, 2008, S.42).

PROathlete STATEMENT

Der Functional Movement Screen ist ein Schnelltest. Er liefert Informationen zur motorischen Kontrolle und posturalen Stabilität. Zudem lassen sich muskuloskeletale Ungleichgewichte und Schmerzen identifizieren. Für Patienten, Nachwuchssportler oder Profisportler ist der FMS geeignet um elementare Bewegungsmuster zu bewerten und fehlerhafte Bewegungen dem Patienten oder Sportler zu verdeutlichen. Darauf aufbauend können Übungen wie die Kniebeuge weiterentwickelt werden. Leider simuliert die Testbatterie nicht die exzentrische Belastungssituation von sportlichen Belastungen wie Sprüngen oder Sprintbewegungen. Außerdem haben wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt, dass der Schnelltest nicht für die Leistungsdiagnostik und nur bedingt für die Verletzungsprognose geeignet ist.


LITERATUR

Baechle, T. R., & Earle, R. W. (Eds.). (2008). Essentials of strength training and conditioning (3. ed). Champaign, IL: Human Kinetics.
Cissik, J. M. (2012). Strength and conditioning: A concise introduction. London: Routledge.
Curd, M. (2013). Philosophy of science: The central issues (2. ed., internat. student ed). New York: Norton.
Drucker, P. F. (2005). Was ist Management?: Das Beste aus 50 Jahren (4. Aufl). München: Econ.
Kraus, K., Schütz, E., Taylor, W. R., & Doyscher, R. (2014). Efficacy of the Functional Movement Screen: A review. Journal of strength and conditioning research / National Strength & Conditioning Association. doi:10.1519/JSC.0000000000000556
Kraus, K., Doyscher, R. & E. Schütz (2015). Methodological Item Analysis of the Functional Movement Screen. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin 66 , 263-268. doi: 10.5960/dzsm.2015.199
Wilmore, J. H., Costill, D. L., & Kenney, W. L. (2008). Physiology of sport and exercise (4. ed). Champaign, Ill.: Human Kinetics.

DER AUTOR

KORNELIUS KRAUS. Seit 2006 betreut er Athleten und Nachwuchssportler. Der Sportwissenschaftler und Trainer bereitet wissenschaftliche Erkenntnisse für die Umsetzung in der Athletenbetreuung praxisnah auf. Zudem gibt er Trainings in Athletic Therapy, Functional Training und Strength and Conditioning. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die motorische Verletzungsprävention.