“TRAINER SUCHEN PRAKTISCH BEDEUTSAME UNTERSCHIEDE.”

by Kornelius Kraus [DS, MA]

Der Sieger bei den Olympischen Spielen unterscheidet sich häufig nur marginal vom Zweit- oder Drittplatzierten. Statistisch gesehen sind die Unterschiede nicht bedeutsam, aber für Trainer und Athleten sind sie dies sehr wohl. Es sind die Unterschiede für die sie jahrelang trainieren. Mit den ursprünglichen statistischen Verfahren aus der Psychologie kommen wir nicht mehr weiter. Was tun?

Eine Antwort auf diese Frage weiß der neuseeländische Sportwissenschaftler und Mathematiker Professor Will Hopkins.

Praktische Signifikanz – ein Entscheidungskriterium für den Leistungssport?

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Ein wichtiger Punkt für die Entwicklung von eigenen methodologischen Standards ist die Herausarbeitung von wissenschaftlichen Entscheidungsmethoden. Vielleicht sollten wir zunächst über den Zweck der Statistik kurz nachdenken. Die Statistik stellt Beziehungen zwischen realer Welt und Theorie her. Auf mathematischer Ebene wird in anderen Wissenschaften die statistische Signifikanz als Maßstab für die Interpretation der Daten verwendet. Für den Sportler ist es wichtig, besser als sein Gegner zu sein. Die persönlichen Unterschiede im 100m-Lauf betragen manchmal nur wenige Hundertstel.

Statistisch scheint die Differenz nicht erwähnenswert, jedoch ist auf praktischer Ebene die Verbesserung äußerst bedeutsam. Der Mathematiker Hopkins spricht daher von einer praktischen Signifikanz, welche für jede Sportart herauszuarbeiten ist. Für die Leichtathletik und Triathlon liefert Hopkins mit seinem statistischen Ansatz ein Beispiel für die Erarbeitung eines eigenen Standards für statistische Entscheidungen (Hopkins et al. 2001; Hopkins et al. 2009). Hierfür berechnet er z.B. die Variabilität aller 100 m-Läufe über eine Saison. Für die Bestimmung dieser Race-to-Race-Variability plädiert Hopkins für die Verwendung der Kovarianz. Als kleinste erstrebenswerte Veränderung setzt er die Hälfte der typischen Variabilität an (Hopkins, 2005) Um praktisch signifikant zu sein, müsse die Race-to-Race-Variability demnach die eines neuen Interventionsprogrammes überbieten.

Für einige Disziplinen der Leichtathletik existiert bereits dieser statistische Standard und mittlerweile finden Hopkins-Konzepte in wissenschaftlichen Publikationen ihre Anwendung (Chapman et al., 2014; Kraus et al.). Die Herausarbeitung dieser methodologischen Grundlagen erachte ich von größter Bedeutung, da hiervon die Interpretation der Ergebnisse abhängt. Solange der Sportwissenschaft diese Basis fehlt und die Konstrukte nicht sorgfältig erarbeitet werden, befinden wir uns im Paradigma einer “Sport Science for Publication“ mit wenig praktischer Relevanz für den Leistungssport.

Studien, die die Effektivität eines Intervalltrainings bei un- oder mittelmäßig trainierten Probanden nachweisen und herkömmliche statische Verfahren nutzen, sind in der Regel nicht relevant für den Leistungssport und erzeugen ebenso wenig neues Wissen für den Freizeitsport. Die Effekte unterschiedlichster Trainingsprogramme bei dieser Population sind schon seit den 70er Jahren untersucht worden und eher auf dem Sektor Gesundheitswissenschaft anzusiedeln. Das Bewegung in der Bevölkerung zur Verbesserungen der allgemeinen Gesundheit führt, insbesondere wenn sich die Menschen in vor allem Industrienationen den Bewegungsmangel auch noch selbst auferlegt, ist nicht mehr als eine Binsenweisheit. Für diese Art von Forschung scheint es sinnvoll, zuerst den Blick in die Standardlehrbücher zu werfen und nicht bei PUBMED Studien nach den Levels of Evidence zu screenen. Die einzige plausible Erklärung für mich ergibt das Argument, dass in der heutigen Zeit die Sportindustrie ihre Produkte mit einem wissenschaftlichen Stempel als Vertrauen schaffendes Instrument labeln kann.

Ob sich die Wissenschaft mit diesem Vorgehen einen Gefallen tut, mag ich bezweifeln, denn mit diesem Vorgehen stellen wir zunächst die eigene Kompetenz in Frage, was sich noch verkraften ließe. Was jedoch viel schwerer wiegt, ist der Schaden den unsere Disziplin dadurch davonträgt. Wenn die Sportwissenschaft, die ursprünglich zur Unterstützung des Leistungssportes sowie der Etablierung von Sport als Schulfach entwickelt wurde, immer mehr in den Fitnessbereich abdriftet oder als Verkaufsargument der Sportindustrie genutzt wird, so wundert es nicht, dass Trainer und Athleten Wissenschaftler als praxisfremd wahrnehmen und ein Aufeinander zugehen dadurch weiter erschwert wird. Der Schaden der daraus entsteht kann man nicht abschätzen. Für den Erhalt und die künftige Stärkung der Disziplin, die sich vornehmlich durch den Nutzen für die Teilnehmer des Sports auszeichnet, ist ein methodologisch fundiertes Vorgehen unabdinglich. Es klingt logisch, dass die Sportwissenschaft und insbesondere die Science for Athletes erst dann eine Daseinsberechtigung erreichen, wenn die Teilnehmer, sei es die Sportlehrer, die Trainer, Studenten, Wissenschaftler, und im Idealfall der Sportler selbst, diese als brauchbar empfinden.

Im Gegensatz zum Wissenschaftler zählt für den Trainer die Anwendbarkeit als stärkster Beleg (practical evidence). Die Erklärung nimmt bei ihm nicht den obersten Stellenwert ein. In seiner Tätigkeit als Performance-Manager gleicht der Trainer mehr einem Designer als einem klassischen Wissenschaftler. Seine Aufgabe ist es, die aktuelle Verfassung des Athleten in eine gewünschte zu verändern. Hieraus ergeben sich unterschiedliche Ansprüche an das Konstrukt „best evidence“. Es würde sich anbieten, diese gleich zu Beginn der Problemdefinitionsphase aufzuarbeiten, denn aus der Lehre von James Gibsons ökologischer Wahrnehmungstheorie geht hervor, dass man die Objekte nicht direkt wahrnimmt, sondern deren Benutzbarkeit (Gibson, 1979).

Stellt man die Benutzbarkeit in den Mittelpunkt der Wahrnehmung, so muss diese Bedeutung dem Objekt erst ein Benutzer zusprechen. Hingegen gibt es den Benutzer für den Designtheoretiker und Kommunikationsforscher Krippendorff nicht. Dies begründet er damit, dass es den allgemeinen Benutzer nicht gibt und das Wort zu vielschichtig sei. Er plädiert in diesem Zusammenhang den Begriff der Brauchbarkeit, da der Gebrauch einen Anlass enthält. Unter Brauchbarkeit versteht er die Fähigkeit, ein Artefakt benutzen zu können (Krippendorff, 2013, S. 125). Artefakte stellen in diesem sportlichen Kontext eine Sammelbezeichnung für alle relevanten Maßnahmen wie Trainingsinterventionen, Methoden, Technologien oder Dienstleistungen, die auf Grundlage dieser Erkenntnisse entstanden sind, dar.

Aus Krippendorffs Analyse des Gebrauchs geht hervor, dass Vertrauen die wesentliche Bedingung für den Gebrauch darstellt. Diesem geht Erkennen und Erkunden voraus. Dieser Prozess nimmt in der Regel keinen linearen Verlauf, sondern ist häufig von Entmutigung oder sogar Unterbrechungen geprägt, welcher unter Umständen zur Lösung des Vertrauens beiträgt und demzufolge in der Abkehr von dem Artefakt mündet. Für Krippendorff ist das Erkennen von Gegenständen z.B. ein Stuhls oder einer Ampel durch ein Bedürfnis oder Interesse an Möglichkeiten motiviert, sei es sie zu gebrauchen oder Gefahren aus dem Weg zu gehen (2013, S. 125). Für die Science for Athletes heißt das zunächst, dass wissenschaftlich relevante Erzeugnisse in attraktiver Form dargestellt werden müssen.

Dies ist ein relativer Faktor, da, um als attraktiv wahrgenommen zu werden, eine gewisse Aufmerksamkeit nötig ist. Um jedoch als interessant und positiv eingestuft zu werden, ist das Darstellungsumfeld mit entscheidend. Plakativ gesprochen, verblasst ein blauer Punkt vor einem gleichfarbigen Hintergrund, während dieser vor einer gelben Wand die Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Demzufolge müssten Präsentationsformen entsprechend analysiert werden. Als wesentliche Attraktivitätsfaktoren arbeitete der Designtheoretiker unterschiedliche Kriterien (Krippendorff, 2013, S. 138) heraus:


+ Neuheit
+ Einfachheit
+ Regelmäßigkeit
+ Symmetrie
+ Ausgewogenheit
+ Pro/Anti-Raster
+ Intentionalität

Nach dem Erkennen folgt das Erkunden, welches durch Ausprobieren einer neuen Technologie oder Methode ausdrückt werden kann. In diesem erkundenden Engagement mit dem Neuen wird entweder Vertrauen geschaffen oder es folgt eine Unterbrechung, indem das Erkunden aus verschiedenen Gründen wie Schwierigkeiten bei der Nutzbarkeit oder geringes Outcome nicht weiterverfolgt wird. Wird das Erkunden nicht wieder aufgenommen, folgt die Loslösung von dem Artefakt, was eine erneute Auseinandersetzung mit dem Artefakt allerdings nicht ausschließt. Daher sei bei der Schaffung von neuen Artefakten auf die Funktion und Handhabung besonders zu achten, da sie das Erkennen und das Erkunden maßgeblich beeinflussen (Krippendorf, 2013, S. 140).

LITERATUR

Gibson, James J. (1979). The ecological approach to visual perception. Boston: Houghton Mifflin.
Hopkins, W. G., E. J. Schabort und J. A. Hawley (2001). „Reliability of power in physical performance tests“. Sports medicine (Auckland, N.Z.) 31, 3: 211–234.
Hopkins, William G., Stephen W. Marshall, Alan M. Batterham und Juri Hanin (2009). „Progressive statistics for studies in sports medicine and exercise science“. Medicine and science in sports and exercise 41, 1: 3–13.
Krippendorff, Klaus (2013). Die semantische Wende. Eine neue Grundlage für Design. Basel: Birkhäuser.

 

DER AUTOR

KORNELIUS KRAUS. Seit 2006 betreut er Athleten und Nachwuchssportler. Der Sportwissenschaftler und Trainer bereitet wissenschaftliche Erkenntnisse für die Umsetzung in der Athletenbetreuung praxisnah auf. Zudem gibt er Trainings in Athletic Therapy, Functional Training und Strength and Conditioning. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die motorische Verletzungsprävention.