Interview mit Elisabeth Schütz: “Was verfügbar ist, wird gegessen.”

Elisabeth-Schütz

Elisabeth Schütz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ludwigs-Maximilians-Universität München. Sie beschäftigt sich intensiv mit Sporternährung und ist nicht nur durch ihre Ausbildungen bei Henk Kraaijenhof und Dr. John Berardi eine sehr kompetente Ansprechpartnerin zu diesem Thema.

 

In diesen Interview sprechen wir über Ernährungswissen und allgemeine Probleme bei der Umsetzung von Ernährungsstrategien.

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PROathlete: Worin unterscheiden sich eine solide Grundernährung und die Ernährung von Sportlern?

ELISABETH SCHÜTZ: Die Basisernährung ist etwas, was jeden von uns betrifft – sei es ein Athlet auf Top-Niveau, ein Hobbysportler oder ein Couch-Potato. Eine auf die Bedürfnisse abgestimmte Ernährung deckt den Energiebedarf und versorgt uns gleichzeitig mit ausreichend Vitaminen, Mineralstoffen und sekundären Pflanzenstoffen. Damit kann langfristig Mangelerscheinungen, Leistungseinbußen und chronischen gesundheitlichen Problemen vorgebeugt werden.
Sportler haben durch ihr Trainings- und Wettkampfanforderungen einen erhöhten Energie- und Mikronährstoffbedarf. Im Training oder Wettkampf kann durch gezielte Ernährung und den Einsatz von Supplementen die Konzentration länger aufrechterhalten, Ermüdungserscheinungen hinausgezögert und die Anpassungen an das Training unterstützt werden. Außerdem machen wir Sportlern bewusst, dass sie im Open Window einer erhöhten Infektanfälligkeit ausgesetzt sind und durch häufige Reisen die Verfügbarkeit von „guten“ Lebensmittel sorgfältig geplant sein muss.

PROathlete: Wo siehst Du die Probleme der heutigen Ernährung?

ELISABETH SCHÜTZ: Ernährung ist ein sehr individuelles Thema und nach dem derzeitigen Forschungsstand können wir nur spekulieren, wie die vielen chemischen Stoffe, die wir mit der Nahrung aufnehmen, mit unseren Zellen wechselwirken. Bekannt ist, dass unser Körper auf eine ausreichende Menge von Makro- und Mikronährstoffen zum Funktionieren angewiesen ist.

Die Häufigkeit von adipösen Menschen und Volkskrankheiten nimmt dramatisch zu. Ein Problem, das dorthin führt, ist, dass wir zwar eine Vielzahl von unterschiedlichen Lebensmitteln in Supermärkten angeboten bekommen, aber das Verhältnis von Makro- zu Mikronährstoffen sehr unausgeglichen ist. Die Kaloriendichte ist hoch, die Nährstoffdichte gering. So kommt es trotz stetiger Verfügbarkeit von Lebensmitteln zu Defiziten in der Ernährung und langfristig zu gesundheitlichen Problemen.

Womit wir auch schon beim nächsten Problem sind: Viele Lebensmittel wie z.B. Äpfel, Tomaten, Orangen usw. werden ganzjährig angeboten. Die Ernte von unreifen Früchten sowie lange Transport- und Lagerzeiten führen dazu, dass auch in solchen Lebensmitteln der Mikronährstoffgehalt geringer ist als bei reif geernteten regionalen Produkten.

Nur wenige Menschen wissen, was sich genau hinter den Zutaten auf den Produktlabeln verbirgt und demzufolge die Qualität von Lebensmitteln nur schwer beurteilen können. Soziale Faktoren wie die Ernährungsgewohnheiten von Freunden und Arbeitskollegen, das Mittagessen in der Kantine oder Werbeaussagen machen die Entscheidung für oder gegen bestimmte Lebensmittel nicht einfacher.

PROathlete: Welche Tipps hast Du, um Ernährungsstrategien erfolgreich umzusetzen?

ELISABETH SCHÜTZ: An erster Stelle steht für mich die Formulierung eines Ziels. Warum will ich meine Ernährung überhaupt ändern? Einfach nur, weil es mein Arzt mir geraten hat? Oder weil ich häufig gesundheitlich angeschlagen bin sich das ändern soll, oder vielleicht, weil ich im Rentenalter noch mit meinen Enkeln Fußball spielen möchte? Die Motivation zu Veränderungen kann ganz unterschiedlich sein, aber das Ziel sollte klar formuliert und am besten auch schriftlich fixiert sein. Dabei sollte das Ziel nicht zu klein, aber auch nicht unrealistisch sein.

PROathlete: Wie geht es dann weiter?

ELISABETH SCHÜTZ: Zunächst sollte sich jeder mehr mit den Lebensmitteln auseinandersetzen, die er täglich zu sich nimmt. Das Bewusstwerden von Gewohnheiten ist für mich der erste Schritt zur Veränderung, langfristig geht es um die Stärkung des Mindsets im Hinblick auf die Lebensmittelauswahl, die Planung und das Timing der Mahlzeiten sowie den Umgang in schwierigen Situationen. Ich nehme Änderungen nur Schritt für Schritt vor. Erst wenn eine Änderung erfolgreich in den Alltag integriert ist, folgt eine neue Veränderung.

Checklisten helfen dabei, regelmäßig zu überprüfen, wie gut eine Veränderung umgesetzt wurde. Ist beispielsweise das erste Ziel, täglich 3 Portionen Obst und Gemüse zu essen, so lässt sich das leicht mit einer Strichliste überprüfen. Dabei ist für den Erfolg entscheidend, dass gute Lebensmittel verfügbar sind.

Denn was in unmittelbarer Umgebung vorhanden ist, wird auch gegessen. Das gilt für gesunde und weniger gesunde Lebensmittel gleichermaßen. Auch wenn es radikal klingen mag, am Anfang kann es sinnvoll sein, den Vorratsschrank zu entrümpeln und mit ernährungsphysiologisch sinnvollen Nahrungsmitteln zu füllen.

PROathlete: Wie unterstützt Du Sportler in der Umsetzung?

ELISABETH SCHÜTZ: Alleine gegen den Strom zu schwimmen, kostet enorm viel Kraft. Wichtig ist, immer wieder das Ziel in den Fokus zu rücken und am besten zu visualisieren. Das hält die Motivation hoch. Außerdem ist es entscheidend, wie Empfehlungen vermittelt werden. Dazu ist es wichtig, das Gegenüber hinsichtlich seiner Grundkenntnisse, der Motivation und Ziele gut zu kennen. Dabei gilt es zunächst herauszufinden, inwieweit sich der Sportler bisher mit dem Thema Ernährung auseinandergesetzt hat, wie seine Ernährungsgewohnheiten aussehen und inwiefern er bereit ist, Veränderungen vorzunehmen. Anhand dieser Analyse ordne ich den Sportler einem Level zu. Klienten mit niedrigem Level bekommen zunächst sehr klare Anweisungen wie z.B. „Schränke den Konsum von Softdrinks auf 1 Glas pro Woche ein“. Dazu gehört natürlich auch, dass der Sportler im Bereich Ernährung durch Coachings die wichtigsten Grundlagen vermittelt bekommt und sinnvolle Alternativen zu bisherigen Lebensmitteln zur Sprache kommen. Sehr gut informierte Sportler können durch sehr subtile Feinjustierungen gekoppelt mit wissenschaftlichen Hintergrundinformationen vorwärts gebracht werden.

PROathlete: Worauf achtest Du selbst?

ELISABETH SCHÜTZ: Mir ist es wichtig, meine Lebensmittelauswahl sehr variabel zu gestalten. Lebensmittel kaufe ich beispielsweise sehr gerne auf dem Wochenmarkt ein und bevorzuge dann natürlich saisonale Produkte. Mir gefällt es, einen bunten Obst- und Gemüsekorb verfügbar zu haben, in den ich immer greife, wenn ich eine kleine Zwischenmahlzeit benötige. Bei der Verarbeitung von Lebensmitteln lege ich großen Wert darauf, dass diese schonend zubereitet werden. Das bedeutet, dass Salat beim Putzen nicht stundenlang im Wasser schwimmt oder Gemüse dampfgegart wird, anstatt es in Wasser zu kochen. Auch wenn es nicht immer einfach ist, versuche ich, regelmäßig zu essen. Was auf jeden Fall zum Start in den Tag gehört, ist ein gutes Frühstück. Außerdem verzichte ich weitgehend auf alkoholische Getränke und trinke überwiegend gefiltertes Leitungswasser. Damit bin ich bisher sehr gut gefahren und komme seit Jahren ohne Infektionen durch die Erkältungssaison.

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