In der Realität bewegt sich die Ernährung vielfach zwischen Leberkäs und Supplementen

by Elisabeth Schütz

Wer kann von sich selbst behaupten, zu wissen, was eine gesunde Ernährung ist?  Und wer davon setzt sie konsequent um?
Nicht nur in Bezug auf die Prävention von Volkskrankheiten wird dieses Thema immer wieder in den Fokus gerückt. Zunehmend nimmt die Ernährung auch im Sport – im Leistungs- wie im Breitensport – eine immer zentralere Rolle ein. Wie – so muss die Frage lauten – sieht eine gesunde, oder besser angemessene Ernährung aus?

In den letzten Jahrzehnten haben sich unsere Erkenntnisse über die physiologischen und biochemischen Abläufe im menschlichen Körper stark erweitert. Physiologie- und Biochemiebücher füllen inzwischen tausende von Seiten und der Wissenszugewinn steht nicht still. Diese Erkenntnisse werden auch dazu genutzt, Abläufe von außen mit einem bestimmten Ziel zu beeinflussen. Ein Beispiel fern vom Sport ist Neuro-Enhancement – Doping am Arbeitsplatz. Der Gesundheitsreport der DAK machte dies zum Schwerpunktthema 2015. Auch wenn das Zentrum der Untersuchung auf dem Gebrauch von verschreibungspflichtigen Medikamenten ohne medizinische Notwendigkeit lag, so wird deutlich, dass die Mehrheit der Deutschen Alltagsstimulanzien wie Kaffee oder Tee zur Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit oder des Wohlbefindens einsetzen.

Ernährung als Leistungsbooster

Um Ähnliches geht es im Sport. Als erster über die Ziellinie zu laufen, diesen Wunsch teilen wahrscheinlich viele mit Usain Bolt. Während der ursprüngliche Fokus gezielter Ernährungsinterventionen auf der Unterstützung von Regenerationsprozessen lag, wird heute danach geschaut, Trainingsprozesse durch abgestimmte Ernährungsstrategien zu optimieren. Sportler versprechen sich von der Einnahme von Kreatin ein verbessertes Kraft-Gewichts-Verhältnis, Proteinpulver nach dem Training sollen den Muskelaufbau unterstützen und Energiegels den Körper während Ausdauerbelastungen mit Kohlenhydraten versorgen.

Wenn ein Weltklasseathlet wie Ole Einar Björndalen betont, dass man als „Sportler auf seine Ernährung achten muss“ oder der Physiologe Ron Maughan sagt, dass „Good food choices will not make a mediocre athlete into a champion, but poor food choices may prevent the potential champion from realising his/her potential“[1], so steckt sicherlich etwas anderes dahinter als ein paar Supplemente.

Ernährung als Limitationsfaktor

Interessanterweise beschäftigen sich viele junge Freizeit- und Leistungssportler mit dem Thema Supplemente, greifen dann aber als Energiesnack vor einem Training zur Brezen oder dem Leberkässemmel. Hier zeigen sich die Missstände, zu denen die verkaufsfördernden Botschaften der Sporternährungsindustrie führen.

Viele Sportler sind informiert über den potentiellen Nutzen von Supplementen, nicht aber über alltägliche Lebensmittel.

Und hier liegt das Problem, das vor allem im Nachwuchsbereich so selten angesprochen wird: DIE TÄGLICHE BASISERNÄHRUNG

Nutrition Pyramide PROathlete

 

Ernährung ist mehr als die Summe von Kohlenhydraten, Fetten und Proteinen gespickt mit ein paar Vitaminen und Mineralstoffen. Wir nehmen keine isolierten Stoffe zu uns, sondern Lebensmittel. Allein durch den Biss in einen Apfel nehmen wir unzählige verschiedene chemische Stoffe auf, die mit jeder einzelnen unserer Zellen interagieren. Nur von einem kleinen Teil wissen wir, welche Bedeutung diese für unseren Körper haben.
Bekannt ist, dass Kohlenhydrate und Fette beispielsweise unsere Energielieferanten Nummer 1 sind oder Proteine vielfältige Funktionen als Enzyme, Strukturproteine, Antikörper haben. Calcium ist ein wichtiger Bestandteil unserer Knochen und Zähne. Ebenso spielt es eine wichtige Rolle in der Blutgerinnung, in der Aktivierung von Enzymen oder der Signalübertragung, während Eisen Bestandteil von Hämoglobin ist, mit Hilfe dessen Sauerstoff zu unseren Zellen transportiert wird.

Vitamine haben ganz unterschiedliche Funktionen als Stoffwechselregulatoren, im Remodelling von Geweben, in der Immunantwort oder als Bestandteile von Coenzymen wie Coenzym A oder NADP [2]. Einige Bestandteile unserer Nahrung sind Vorstufen von Hormonen, einige von Neurotransmittern, die nicht zuletzt unsere Gemütslage und unsere mentale Leistungsfähigkeit beeinflussen. Die Erforschung der sekundären Pflanzenstoffe steckt noch in den Kinderschuhen und wir können deren Bedeutung für unsere Gesundheit bestenfalls erahnen.

Auf die tägliche Lebensmittelauswahl kommt es an. Allein die Funktionen einiger Nahrungsbestandteile zeigt, wie vielschichtig das Thema Ernährung eigentlich ist und wie weit es über die Supplemente hinausgeht.
Daher ist es wichtig, nicht nur in der Wettkampfsphase auf eine „gute“ Ernährung zu achten, sondern bei jeder einzelnen Mahlzeit. Oder anders ausgedrückt: die Priorität sollte auf der täglichen Ernährung liegen, was der Erfolgstrainer Henk Kraaijenhof in der Prioritätenpyramide verdeutlicht. Die Basis bildet die tägliche Ernährung, und erst wenn diese nahezu einwandfreier Bestandteil des Alltags ist, kann mit Supplementen nachjustiert werden. Ohne gut fundierte Nahrungsmittel können nicht nur unsere Trainingsziele in weite Entfernung rücken – Defizite beeinflussen im schlechtesten Fall sogar die Trainingsleistung negativ. [3].

LITERATUR

[1] Nutrition for sports performance: issues and opportunities; Maughan R, Shirreffs S; in Proceedings of the Nutrition Society (2012), 71, 112–119
[2] Physiology of Sport and Exerciese; Wilmore J, Costill D. Kenney W; 4th EditionHuman Kinetics 2007
[3] The Complete Guide to Food for Sports Performance; Burke L, Cox G.; 3th Edition; Allen & Unwin 2010

DIE AUTORIN

Elisabeth Schütz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität München [LMU]. Hier vermittelt sie Medizinstudenten ernährungsphysiologisches Wissen für den Fitness- und Leistungssport. Den Sportlern von PROathlete bereitet sie wichtige Grundlagen praxisnah auf und schärft deren Bewusstsein für den Einfluss von Ernährung auf ihre Leistungsfähigkeit.