SKANDINAVISCHE VERLETZUNGSPRÄVENTION

von Kornelius Kraus [DS, MA]

Roald-BahrKürzlich besuchte ich die GOTS-Tagung in München. Das schöne an Tagungen ist, dass man befreundete Kollegen wieder sieht und dabei neue wissenschaftliche und praktische Impulse bekommt.Ein paar Impulse möchte ich in diesem Blog mit Euch teilen.

FUNKTIONSANALYSEN [Dr. Alli Gokeler – Universität Groningen]

IDEE 1: Motorische Screenings unbedingt mit Video durchführen.
Die Vorteile: Transparente und wiederholbare Analyse sowie Darstellung der Bewegungsqualität möglich.

IDEE 2: Bei der Verwendung des Landing-Error-Scoring-Systems [LESS] ist rat die Sprunghöhe erfassen, um die motorische Kontrolle unter maximaler Einsatzbedingung zu testen.

IDEE 3: Die Anweisung kann die Bewegungsdurchführung deutlich verändern. Während die typische therapeutische Anweisung “stabile Kniehaltung” den internen Fokus abzielt, zeigt die Anweisung „führe das Knie gerade zur Pylone“ [externer Fokus] häufig zu einem deutlich veränderten Bewegungsbild. Dieses Detail kann für das trainingstherapeutische Coaching als auch für die Diagnostik von entscheidender Bedeutung sein. Da bei vielen Patienten oder Sportlern das Bewegungsgefühl für die Verarbeitung des internen Fokus nicht ausgeprägt genug ist.

Der Einsatz von Funktionsanalysen wie Functional Movement Screen oder Landing Error Scoring-System sollte im Return-to-Sport Prozess in den Phasen Return-to-Activity bzw. Return to Training für die Entscheidung eingesetzt werden, da das Verletzungsrisiko mit beiden Verfahren nicht valide bestimmt werden kann.

WER ENTSCHEIDET WAS EVIDENZ IST, DER FORSCHUNGSSTAND ODER DIE EMINENZ? [Dr. Bernhard Segesser – Rennbahnklinik, Muttenz]

Dr. Segesser hat sich über 30 Jahre praktisch und philosophisch mit der Frage: wer entscheidet was „Evidenz“ in der Sportmedizin ist, beschäftigt. Ist die beste Evidenz mit dem höchsten EBM-Level, oder die Meinung der Eminenz? Die Frage ist nicht klar zu beantworten, da zu viele Komponenten in den Behandlungsprozess miteinfließen. Neben den aktuellsten Erkenntnissen sollte auch die Beherrschung von Operations- oder Behandlungstechniken wesentliche Beachtung finden, da diese Kompetenz entscheidenden Einfluss auf das Ergebnis einer Behandlung nimmt.

SYSTEMATISCHE VERLETZUNGSPRÄVENTION [Prof. Dr. Roald Bahr – Universität Oslo]

Das skandinavische Präventionsmodell basiert auf 4 Schritten:

1.) Verstehen der Verletzungssituation
2.) Entwicklung einer Präventionsstrategie
3.) Prüfen der Präventionsstrategie
4.) Integration von erfolgreichen Präventionsstrategie

Mit diesem Ansatz konnten die Skandinavier in Studien die Verletzungshäufigkeit von Kreuzbandverletzungen (ACL) deutlich reduzieren. Allerdings zeigte sich, dass beim Transfer in die Praxis die Kompetenz der Anwender mitberücksichtigt werden muss, sonst kann der Erfolg des Verletzungspräventionsprogramms nicht sichergestellt werden. Daher ist die Schulung von Durchführenden von größter Bedeutung für eine erfolgreiche nationale bzw. internationale Verletzungsprävention.